76.000 Kilometer für das Abitur
Abendschule Gießen entlässt ihre Absolventen – und übergibt zwei Physikpreise
Sommer. Corona. 34 Grad Celsius. Der Wassertropfen auf einer Flasche bahnt sich behände seinen Weg nach unten, fängt sich auf einem der Gruppentische in der Mediothek der Ostschule Gießen.
Die Getränke sind für die anschließende „Afterparty“ gedacht, denn es gibt nicht nur eine Menge zu feiern, auch die Hygienevorschriften, die die Abiturienten der Abendschule Gießen in den letzten Monaten stetig verfolgt haben, dürfen mittlerweile soweit gelockert werden, dass eine Feier möglich ist. Die Abendschule Gießen entlässt heute lachende Gesichter, den Gesprächsfetzen im Raum zufolge angehende Journalisten, Lehrer, Germanisten. Ein Studierender deutet auf seine ehemaligen Lehrkräfte und erklärt einem Gast: „Also, das da ist Mathe… und da hinten läuft PoWi.“
Als Schulleiter Dieter Cebulla ans Mikrophon tritt, darf er seine Gesichtsmaske unter strenger Einhaltung der Abstandsregeln kurz ablegen. Er erinnert zunächst daran, was heute erlaubt ist – und was nicht. Diese Entlassung ist eine besondere, denn sie findet inmitten einer Pandemie statt, ein Umstand, der den Abiturienten einiges abverlangt hat: Distanzunterricht, Wechselunterricht, Präsenzunterricht. Eine deutliche Zusatzbelastung, denn für das Ziel „Abitur“ haben die Absolventen insgesamt 2250 Stunden aufgewendet. Eine Studierende, die zuerst die Abendrealschule abgeschlossen hatte, ist dafür von ihrem Wohnort aus insgesamt sogar 76.000 Kilometer gefahren. „Es ist ein Abitur, das zwar die gleichen Anforderungen wie an der Tagesschule an Sie gestellt hat, aber Sie sind tagsüber auch noch Ihrem Beruf nachgegangen, haben sich um die Familie gekümmert“, weiß Dieter Cebulla. Eines ist also sicher, die Motivation unter den Abgängern war groß. Schulleiter Cebulla setzt hier die Analogie einer Flugreise ein: Der erste Gang zur Anmeldung an der Abendschule als Terminal, der Check-In bei Sekretärin Sonja Allegretta, Lehrer als Piloten und Stewards oder Stewardessen, die Ihre Reisegäste mit diversen Wissenshäppchen füttern durften, Turbulenzen auf dem Weg zum Ziel. „Das Wichtigste bei Ihrer Reise zum Abschluss aber ist der Treibstoff gewesen: Durchhaltevermögen, Neugier, Kooperationsbereitschaft und Frustrationstoleranz. Und Ihr Weg endet nicht hier. Nach der Zwischenlandung in ‚Fa Chabi‘ oder ‚Abitur‘ werden Sie nun umsteigen, vielleicht zur Justus-Liebig-Universität oder der THM. Ich wünsche Ihnen dafür viel Erfolg und möchte mit einem Zitat von Mark Twain enden: Zum Erfolg gibt es keinen Lift – man muss die Treppe benutzen.“
An die Glückwünsche der Schulleitung schloss sich Tutorin Susanne Hansen an, die Ihrer Klasse ein „Stück Regenbogen“ in Form von Sonnenfängerkristallen als Andenken schenkte: „Sie wissen, wenn Regen und Sonnenschein aufeinandertreffen, entsteht daraus etwas Wunderbares – ganz wie Ihr Abitur.“ Zusätzlich durfte die Lehrerin für das Fach Physik Yurong Feng und Andreas Penner auch den Preis der DPG für besondere Leistungen im Fach Physik verleihen.



